Migrationskritik & Me Too: Ist Harvey Weinstein ein Monster?

Bild: Poster auf dem Women’s March in Kuala Lumpur, Malaysien, 2019. (c) Michelle Ding auf Unsplash

SERIE | Der Schutz westlicher Frauenrechte kontrastiert mit den globalen, gesellschaftsübergreifenden Thesen der Me Too-Bewegung. Damit erfährt das Thema sexuelle Gewalt zwei parallellaufende Formen der Aufmerksamkeit – mit weitreichenden Konsequenzen.

Teil 4Auf der Casting Couch: Ende 2019 erschien Ronan Farrow’s Buch “Catch and Kill” über die mächtigen Maschinerien, die Me Too beleuchtete. Im Januar begann Harvey Weinsteins Gerichtsverfahren. Doch der Diskurs blieb an vielen Stellen unverändert.

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Der Anfang von Harvey Weinsteins Ende, in den Worten des Investigativjournalisten Ronan Farrow, machten die mittlerweile berühmt-berichtigten Audioaufnahmen zwischen Weinstein und dem philippinisch-italienischen Model Ambra Gutierrez aus dem Jahr 2015:

“Ich will nicht tun, was ich nicht tun will.”

“Kommen Sie hierher, hören Sie mir zu.”

“Warum haben Sie meine Brüste angefasst?”

“Bitte, kommen Sie her. Ich bin das gewöhnt.”

“Sie sind das gewöhnt?”

“Ja. Es tut mir leid. Ich mache es nicht nochmal. Kommen Sie her und setzen Sie sich.”

Gutierrez berichtete später, dass Weinstein schnell wütend wurde, seine Hand gegen die Tür schlug, nicht zuhörte. Später bettelte er, fast schon verzweifelt, sie solle es sich jetzt bequem machen und einen Drink nehmen.


Am 6. Januar 2020 begann das Gerichtsverfahren gegen Weinstein – zwei Jahre nachdem Ronan Farrow der Story zum Durchbruch verhalf. Ende 2019 publizierte er sein Buch “Catch and Kill“, zu deutsch “Fangen und Töten“, und den gleichnamigen Podcast. Darin beleuchtet Farrow die Maschinerien, denen sexuelle Gewalt und Übergriffigkeit zugrunde liegen, interviewt Betroffene, reflektiert selbstkritisch über seine frühere Inaktivität.

Einschlägig und detailliert beschreibt Farrow die Gründe, aus denen Investigativjournalismus über Weinstein jahrzehntelang erfolglos bleiben konnte, darunter eine Geheimhaltungskultur, stringent praktiziert von Mediengiganten wie NBC News. Die Wahrheit bestimmte das Tagesgeschäft in Hollywood – eine geheime Wahrheit, die niemand und zugleich jeder kannte. Die Berichterstattung zu Weinstein erinnert bruchstückhaft an den Skandal um die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland, die die Vorfälle sexueller Gewalt zur Kölner Silvesternacht 2016 hinauszögerten.

Jahrelang appellierte Farrow erfolglos an die Größten unter den Medienfirmen, riskierte Karriere und Kontakte. Seine Beharrlichkeit machte den Unterschied zu anderen Journalisten und Journalistinnen aus. Warum? Weil sexuelle Gewalt und übergriffiges Verhalten in hierarchischen Spitzenkreisen notorisch schwer zu verkaufen sind – “hard to sell”, in seinen Worten. Hollywood ist dabei gerademal einer der wenigen Vulkane, die bislang zum Ausbruch kamen.

“Jeder Beschützte Harvey”

Weinstein broke the internet, könnte man meinen. Doch wenig passierte selbst nach der verhängnisvollen Aufzeichnung durch Model Ambra Gutierrez 2015. Der zuständige Staatsanwalt sah von einer Anklageerhebung ab, da nicht ausreichend Beweise vorlägen – trotz Weinsteins wörtlicher Zugabe eines körperlichen Übergriffs, trotz einer wachsenden Zahl von Frauen, die immer wieder darüber gesprochen hatten, trotz unzähliger Schweigepflichtsvereinbarungen.

Stattdessen sah Gutierrez sich gegenüber der Polizei plötzlich persönlichen Fragen ausgesetzt: Über vergangene Einladungen zu Silvio Berlusconis Bunga Bunga Parties, ob sie sich jemals prostituiert habe, über ihr Sexleben und persönliche Vergangenheit.

Wie Gutierrez erging es auch anderen, die den Schritt nach vorne wagten – und dann zusehen mussten, wie ihre Rechtsanwälte Verhandlungen mit der Gegenseite in stillen Kämmerchen durchführten. Assistenten und Praktikanten, die von dem Vorfall Wind bekommen hatten, unterzeichneten Schweigepflichtserklärungen. Kollegen verfielen in plötzlich in Schweigen.

“Sie sahen dabei zu, wie das Problem für Weinstein einfach verschwand?” fragt Farrow Weinsteins ehemalige Castingdirektorin Katrina Wolfe im Podcast. “Es war zermürbend, wie jemand so eine Sache einfach so vernichten konnte,” antwortet sie.

Jeder beschützte Harvey“, fügt Weinstein Ex-Assistentin Rowena Chiu hinzu, eine seiner Vergewaltigungsopfer, “aber nur wenige Menschen taten etwas, um uns als junge Assistentinnen und auch als Opfer sexueller Gewalt zu schützen.”

Mit zerstörter Karriere und zerstörtem Ruf, aufgezwungenen Stillschweigevereinbarungen, bedrohten Familienmitglieder und keinerlei beruflichen Aussichten nahmen viele der Frauen nach Jahren wieder Jobs in Weinsteins Produktionsfirmen wie Miramax an. Dafür gab es sogar vertraglich verankerte Ansprechpersonen. So kriege man Frauen zum Schweigen, berichtete Weinstein. Diesen Ratschlag habe er laut Chiu einmal von einem männlichen Filmstar erhalten: man zwingt Frauen dazu, wieder für sich zu arbeiten. Chiu wieder einzustellen bedeutete für ihn, er habe “gewonnen”.

“Sobald deine Story raus ist, gehört sie dir nicht mehr,” so Chiu. “Du glaubst, du kannst sie kontrollieren, aber das kannst du nicht.”

Über 80 Frauen haben Weinstein bislang angeklagt, von denen einige im Podcast über ihre Erfahrungen sprechen.

Die “Casting Couch”: Symptom Eines Eisbergs

Weinsteins Verbrechen, das Verhalten der Medien, Hollywoods Verschwiegenheit – das alles sind Symptome, die systemischen Faktoren unterliegen. Wäre Wahrheit konsequenzlos, hätte Weinstein möglicherweise schon vor 20 Jahren ein Ende gefunden.

Dieser systemische anstatt punktuelle Charakter von Me Too zeigte sich öffentlichkeitswirksam spätestens mit dem globalen Erfolg der Bewegung. In Deutschland legte die Bewegung zum Beispiel offen, was in Führungskreisen passiert – erschreckend für nicht-Betroffene, ermüdend für Betroffene.

In den meisten Fällen sexueller Gewalt kennen sich Täter und Betroffene. Auch Harvey Weinstein war weder Monster noch Sexsüchtiger, argumentiert zum Beispiel die Psychologin Joanna Bagshaw:

“Vergewaltiger sind keine Monster”, so Bagshaw, “Es sind normale Menschen die wiederholt Straftaten begehen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden.”

Wir sind dahingehend sozialisiert, Vorfälle zu bagatellisieren, abzuwinken und wegzuschauen, Betroffene mitverantwortlich zu machen, nach mildernden Umständen zu suchen, Beschuldigte zu verteidigen. Wie hat die Frau sich verhalten, was hat sie getragen, war Alkohol im Spiel?

Poster mit dem Hashtag der Bewegung Time’s Up – Die Zeit ist abgelaufen – beim Women’s March in Salem in den USA, 2018. (c) Elyssa Fahndrich auf Unsplash

So sind sexuelle Gewalt und körperliche Übergriffigkeit durch eine hohe Dunkelziffer charakterisiert. Nur die wenigsten Fälle werden zur Anzeige gebracht, und ein geringer Bruchteil hat überhaupt Erfolg in Gerichtsverfahren. Zu Grunde liegt die uralte Problematik: fehlende materielle, krude Beweisstücke. Oder Alkohol war im Spiel. Psychologische Gutachten gehören dabei noch zu den verwertbarsten Nachweisen. Welche Richtung hätte der Diskurs zum Kachelmann-Gerichtsverfahren genommen, wenn es schon damals den Hashtag #WarumIchNichtAngezeigtHabe gegeben hätte?

Sehr oft erheben Frauen, die Vorwürfe machen, keine Anklage oder können keine Anklage erheben,” schreibt Farrow in “Catch and Kill” auch über andere Bereiche des öffentlichen Lebens – in Bildung, Beruf, Politik. “Sehr oft zahlen diejenigen, die sich melden, teuer und stehen einem Rechtssystem und einer Kultur gegenüber, die sie in Stücke reißen soll.”

In Hollywood übertrug sich diese normalisierte Tabuisierung in die Metapher der “Casting Couch”: ein Synonym für sexuelle Gefallen im Gegenzug für Aufstiegschancen. Im Nachhinein wissen wir, dass es sich dabei um weitaus mehr Zwang als Freiwilligkeit handelte.

Wie Vermarktet Man Sexuelle Gewalt?

Farrow erkennt hier klar die Aufgabe des Journalismus wieder: “Die Rolle eines Reporters besteht nicht darin, Wasser für diese Frauen zu transportieren. Es ist jedoch unsere Pflicht, die Fakten aufzunehmen und ernst zu nehmen. Manchmal sind wir die einzigen, die diese Rolle spielen können.”

Und er stellt eine weitere, für den Diskurs entscheidende These auf: Es ist schwer, das Thema sexuelle Gewalt durch mächtige Persönlichkeiten zu vermarkten.

Die Verbrechen des österreichischen Josef Fritzls wurden beispielsweise blitzschnell zur Schlagzeile, er selbst als “Monster” tituliert, das Signal gesendet: Wir haben es mit einem Einzelfall zu tun, mit dem sich die große Mehrheit nicht identifizieren kann. Harvey Weinsteins mutmaßliche Verbrechen blieben nur kurzzeitig Einzelbeschuldigungen. So kam es auch bei NBC News zu Vorwürfen an die Führungsebene, und das kurz nachdem der Kanal Farrows Weinstein-Story abgesägt hatte. Wie könnte man auch eine Problematik massentauglich verkaufen, für das so viele Mitverantwortung tragen?


2015 traf das ZDF die schwerwiegende Entscheidung, die Berichterstattung zu den Vorfällen sexueller Übergriffe zur Silvesternacht in Köln zu unterdrücken – eine hochgradige Verletzung journalistischer Prinzipien, ein Schlag ins Gesicht für Betroffene, desaströse Konsequenzen für den ohnehin angespannten politischen Diskurs über Geflüchtete.

Doch während dieser Vorfall im Me Too-Universum faktisch nur einen geringfügigen Teil der Symptomatik darstellt, waren die Auswirkungen im Diskurs gänzlich verschieden. Denn Köln führte dazu, dass politische Parteien und Bewegungen ganze Gruppen denunzierten, pauschalisierten und vorverurteilten, und für strengere Immigrationsregeln warben.

Weinstein und Me Too repräsentieren hingegen eine Art der Komplexität, die Migranten als Gruppe im Diskurs oft schnell aberkannt wird. Me Too entfachte eine großräumige und vielschichtige Diskussion: um falsche Beschuldigungen, den Umgang mit Beschuldigungen, die Chance auf faire Prozesse in Sexualdelikten und die Bagatellisierung struktureller Sexualverbrechen.

Auf gewisse Art konnte die Bewegung so auch einen Augenmerk auf strukturellen Rassismus werfen.


Mehr zur Serie:

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