Ausgebrannt

(c) Bild von Julie Ricard auf Unsplash

Vor einigen Tagen gingen wieder Bilder vom Mittelmeer um die Welt. Luna Reyes Segura. Die junge Helferin des Roten Kreuzes umarmt einen geretteten Mann aus dem Mittelmeer. Neben ihm wird sein Freund wiederbelebt. Die Bilder sprießen vor Trauma, Not, unbeschreiblichem Leid. Ich wollte schon letzte Woche etwas dazu schreiben, aber ich habe es mental nicht auf die Reihe bekommen. Jetzt schreibe ich mir von der Seele, was das mit mir gemacht hat. Keine Planung, kein großartig durchdachtes Vokabular. Ich muss es einfach loswerden. Das so weit entfernte Leid des Mannes nach einer traumatisierenden Reise über ein gewaltiges Meer, in dem viele, viele Tote bereits verschwunden sind. Sein Trauma, seine Not, seine Trauer. Andere seiner Gefühle, die wir nicht ergründen können. Das Sekundärtrauma, das auf seine Helferin übergeht. Ihr Versuch, ihn zu trösten, ihm irgendein Stück von sich zu geben, an das er sich klammern kann, um mental nicht unterzugehen. Das sehe ich in diesem Bild. Und ich sehe die traumatisierten Kinder, Männer und Frauen, die ich 6 Monate lang im Lager in Calais begleitet habe. Das Leid, was weder ich noch die meisten Menschen meines engeren Freundes-, Familien- und Bekanntenkreises nachvollziehen können. Die Einzelschicksale. Die für uns unvorstellbaren Konsequenzen auf die physische und mentale Gesundheit.

Große Wörter, die immer wieder irgendwo in den sozialen Medien profiliert, von progressiven Parteien für den sozialen Wahlkampf genutzt, und von rechten Parteien zur Zielscheibe gemacht werden. Passive Unbeteiligte, die mit dem Finger auf andere zeigen und sie abfällig als Gutmenschen bezeichnen. Die süffisant verlauten lassen, dass die jungen Linken realitätsfern sind, wenn sie glauben, dass sie selbst “die Welt retten” könnten. Weil man sich verpflichtet fühlt, in einer Region Europas zu helfen, in der seit Jahren Menschen STERBEN. Genau so, wie es von jedem Mitglied unserer Gesellschaft erwartet wäre, einem verletzten Menschen auf der Straße zu Hilfe zu kommen. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung. Wo ist der Unterschied? So simpel und ausgeleiert es klingt: Ich kann es nicht mehr verstehen, wie abgrundtief kalt und empathielos massenhafte Reaktionen auf ein Foto sind. Es macht etwas mit mir. Ich konnte das Trauma, was unbewusst auf mir abgeladen wurde, nie richtig verarbeiten. Und jedes Mal, wenn ich den Hass der vermeintlichen Systemkritiker, der Rechten, der AfD, der “Besorgten” höre, wenn etwas passiert wie mit dem Mann und seiner Helferin Luna, kommt alles wieder hoch. Dann möchte ich sie konfrontieren und regelrecht überschütten mit dem unvorstellbaren Trauma, das so unglaublich viele Menschen erlebt haben. Und das sich daran nichts ändert, wenn sie ihre Gutmensch-Vorwürfe als Wahlkampfwaffe hervorholen.

Ich habe keine Antwort auf das Burnout, was ich nach der Arbeit in der Flüchtlingshilfe in den letzten Jahren bekommen habe. Ich bin froh, gesund und sicher zu sein. Ich habe mich materiell über nichts zu beklagen. Dieser Artikel verfolgt kein Ziel. Ich habe einfach runtergeschrieben. Ich weiß, dass ich mich damit angreifbar mache. Aber jetzt ist das Druckventil geöffnet. Wenigstens ein bisschen.

Ich wünsche dem Mann, dass er von guten Strukturen aufgefangen und unterstützt wird. Dass ihm eine Möglichkeit gegeben wird, das Erlebte wenigstens ansatzweise aufzuarbeiten, im Bestfall in sicherer Umgebung. Ich wünsche Luna, dass sie durch das Erlebte Resilienz erlernt und nicht aufgibt.

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