Migrationskritik und Me Too: Boys will be boys?

(c) Bild von surdumihail auf pixabay

SERIE | Der Schutz westlicher Frauenrechte kontrastiert mit den globalen, gesellschaftsübergreifenden Thesen der Me Too-Bewegung. Damit erfährt das Thema sexuelle Gewalt zwei parallellaufende Formen der Aufmerksamkeit – mit weitreichenden Konsequenzen.

Dieser Artikel ist Teil 1 von 3 einer Serie über die Vielschichtigkeit von Fremdenfeindlichkeit.

Lesedauer: 5 Minuten


Kommentare, Übergriffe, Drohungen. Anfangs ein betrunkener Flirt, plötzlich packende Händen und bedingungslose Anforderungen. Drohungen und Komplimente, die sich irgendwie falsch anfühlen. Vermeintliche Freunde, die Momente des Vertrauens für Übergriffe ausnutzen. Tinder-Bekanntschaften, die bei freundlicher Ablehnung unstabil werden – gelinde ausgedrückt. Mein persönliches Potpourri an Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Übergriffigkeit ist bunt.

Doch so wenig Aufmerksamkeit Beschwerden zum Thema sexuelle Belästigung durch Männer jedweder Herkunft vor 2015 erhielten, umso ausgeprägter entwickelte sich der Diskurs über die allgegenwärtige Gefahr speziell durch junge, männliche Geflüchtete. Außerhalb der Me Too-Bewegung schien es kaum eine Rolle zu spielen, dass einstudierte Schutzmechanismen für den Nachhauseweg, in Clubs und Bars, oder gegenüber aufdringlichen Familienmitgliedern zur natürlichen Entwicklungsphase vieler junger Frauen gehörten.

Me Too: Problem Oder Debatte?

Bei der Me Too-Bewegung wird oft außer Acht gelassen, dass sie bereits 2006 von der US-Amerikanerin Tarana Burke ins Leben gerufen wurde – also vor über einem Jahrzehnt.

“Nu Styni, es gläsli gute rothe!” von Gabriel Lory aus dem Jahr 1805. Ein gemeinfreies Werk aktuell zugänglich in der Schweizerischen Nationalbibliothek.

Die Kernthese der Me Too-Bewegung blieb jedoch gleich: Seit Jahrhunderten erleiden Frauen und Männer sexuelle Gewalt, und ein Bruchteil dieser Erfahrungsberichte erzielte im Kontext einer öffentlichkeitswirksamen Bewegung zum ersten Mal Rampenlicht.

In ihrer jüngeren Geschichte widerfuhr der Me Too-Bewegung besonders viel Kritik, Skepsis, Bagatellisierung oder Diffamierung. “Boys Will Be Boys”, so der US-amerikanische Präsident, nachdem er auf Video verlauten ließ, you can just grab them by the pussy – man könne Frauen einfach so an die Muschi fassen.

Talkshow-Gäste, Kommentatoren, Journalisten, Autoren, Politiker diskutierten und debattierten: über den Wahrheitsgehalt von massenhaften Erfahrungsberichten, über die vermeintliche Plötzlichkeit dieses Themas, über die Gefahr für unseren Rechtsstaat.

Bis dato fühlte sich der Umgang mit Erfahrungen sexueller Übergriffigkeit eher so an, als krame man in einem Rucksack. Man trägt sie mit sich herum – und doch muss man sie erst hervorholen, weil man sie flüchtig weggestopf hat. Sie sind eingefleischt, gebilligt, Teil automatisierter Schutzmechanismen, die man von Kindesbeinen an lernt, um die Fähigkeit der Wachsamkeit zu entwickeln. Gerade als Mädchen. Für diverse Verhaltensmuster gibt es ein alteingessenes, reichhaltiges Spektrum an Bezeichnungen: “Lüstern”, “Grabschen”, “Machogehabe”, “Exhibitionistisch”. Irgendwo dazwischen: Boys will be boys. Jungs sind halt Jungs. Als läge einer Gesellschaft ein Mindestmaß an sexueller Übergriffigkeit zugrunde liegt. Latent gebilligt, irgendwie aktzeptiert: Lüsternheiten wird es immer geben.

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Zeitgleich mit einer Debattenkultur über die Konsequenzen von Me Too wurde die Bewegung dann auch flankiert von Stimmen, die Frauenrechte gezielt zum Zwecke der Einwanderungskritik einsetzen.

Die AfD stellte explizit gegenüber Geflüchteten die Notwendigkeit für den “Schutz unserer Frauen” hervor. Die Grünen forderten eine “ehrliche Debatte” über Frauenfeindlichkeit unter Geflüchteten. So sollte Zuwanderung aus kulturfernen Ländern einer gesonderten Form der Debatte über sexuelle Belästigung bedürfen.

Es ähnelt einer Doppelmoral, der eine historisch altbekannt Natur zu Grunde liegt: Immigrationskritik unter dem Deckmantel der Verteidigung des “Schutzes unserer Frauen”.

Die Konsequenz: Vermeintlich aufgeklärte Werte des Westens können undifferenziert gegen die frauenverachtenden Werte einer befremdlich wirkenden, scheinbar homogenen Gruppe ausgespielt werden.

“Ist Cool Wenn Du Dein Verlangen Stillst”

Vorfälle sexueller Belästigung durch Migranten sollen nicht beschwichtigt werden. Im Gegenteil: Der selektive Fokus auf ausgewählten Gruppen birgt die Gefahr, das bei der Bekämpfung sexueller Gewalt Lücken entstehen und das vielfältige Spektrum ihrer Vorstufen vernachlässigt wird – ob Privat, Politik oder Popkultur.

So äußerte Donald Trump brachial seinen Wunsch, Frauen gerne in den Schritt zu fassen, äußerte sich sexistisch gegenüber weiblichen Kritikern – auch Konservativen – oder pflegte eine enge Freundschaft mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Und doch hält er das Präsidentschaftsamt inne. Seine Taten und Worte reichten nicht für eine moralische Verurteilung, auch nicht, um zahlreichen Frauen und jungen Mädchen Gehör zu schenken, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Vorwürfe gegen ihn erhoben hatten.

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„Nimm noch ‘nen Schluck aus der Flasche, dann nimm dir einfach was du willst,” singt auch Clueso in seinem Hit “Da wohnt so’n Typ”:Lass mal der kleinen hier an den Arsch geh’n, ist cool wenn du dein Verlangen stillst!”

“Allein der kurze Weg zur Toilette ist der reinste Spießrutenlauf”, so zwei ZEIT-Autorinnen über das Oktoberfest 2011: “Im exzessiven Bierrausch scheint alles erlaubt. Security und Polizei greifen nur ein, wenn einer ausrastet und etwa mit einem Maßkrug auf einen Kontrahenten einprügeln will. Der Griff an eine Pobacke als Grund? Da gäb es ja viel zu tun.”

„Wenn dieses Auto eine Frau wäre, würde man es in den Hintern kneifen“, so der mittlerweile berühmt-berüchtigte Text einer US-amerikanischen Autowerbung aus dem Jahr 1979.

„Der war besoffen, hat das nicht so gemeint!“, erinnert sich diese Autorin an Reaktionen auf ihre eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Um 2015 herum jedoch wandelte sich die “Armlänge Abstand” plötzlich in einen ernst gemeinten Ratschlag: “Dann kamen die Flüchtlinge. Schnell waren wir Helfer „Gutmenschen“ und die Asylbewerber „FickiFickis.”

Für ein Spaßvideo kniff der amerikanische YouTube-Star Sam Pepper fremden Frauen auf der Straße in den Hintern. Während des Bundesvision Song Contests 2009 griff Hans “Morgenhans” Blomberg seiner Ko-Moderatorin vor laufender Kamera und bei lachendem Publikum an die Brust.

Es gibt unzählige ähnliche Beispiele aus Popkultur, Politik und Gesellschaft. Große Wellen schlug beispielsweise das Projekt Everyday Sexism mit anonymisierten Erfahrungsberichten zu Sexismus und sexuellen Übergriffen von Frauen wie auch Männern aus zahlreichen Ländern.

Verwirft man solche Art von Vorfällen gar als unklare Grauzonen beim Flirten, so vernachlässigt man die ernste Realität, die Me Too zugrunde liegt. Vorfälle, die von als kulturnah wahrgenommenen Personen ausgehen, werden entschärft.

Während seines Wahlkampfes 2015 pauschalisierte Donald Trump mexikanische Migranten undifferenziert und unter viel Zuspruch als “Vergewaltiger”. Dagegen sprach er 2018 im Rahmen der Brett Kavanaugh-Anhörung von einer Gefährdung junger Männer in den USA durch eine mögliche Welle zweifelhafter Anklagen.

Der verstorbene Playboy-Gründer Hugh Hefner, der Frauen sexualisierte, objektifizierte und unter Drogen setzte, konnte sich trotzdem eines Nachrufes als Frauenbefreier sicher sein. Soziale Medien wurden regelrecht überrollt von Beileidswünschen – allemal stellte Hefner eine unschuldige Zielscheibe irrationaler Feministinnen dar.

Harvey Weinstein ist bisweilen zum Schlagwort geworden: Parallel mit dem Beginn von Me Too in Hollywood stand er lange Zeit für präzedenzlosen Machtmissbrauch; für die Debatte über den Umgang mit öffentlich geäußerten Erfahrungsberichten; für den Schutz Betroffener und Beschuldigter vor dem Gesetz. Er stand für ein System, statt für den Vertreter einer gesamtheitlichen Gruppe.

Vom Rand In Die Mitte

Sexuelle Gewalt ist wie ein Eisberg: Die schlimmsten Verbrechen wirken auf uns kollektiv und offensichtlich abschreckend. Alles, was darunter liegt, bilden jedoch lediglich die untermauernden Vorstufen, die die Existenz des Eisbergs überhaupt erst ermöglichen: das Ausnutzen von Alkoholeinfluss für übergriffiges Verhalten; der Griff zwischen die Beine in scheinbar unbeobachteten Momenten; unablässiges Flirten trotz freundlicher Ablehnung.

Durch die Doppelmoral unseres Diskurses über nicht erwünschte Herkunftsländer bringen wir uns ständig selbst bei, dass sexuelle Belästigung dem Grund nach latent akzeptabel ist – solange sie nicht von Nordafrikanern oder Syrern ausgeht.

Für die Auslöschung von Vergewaltigung bedarf es der Auseinandersetzung mit den Grauzonen der sexuellen Sozialisierung im eigenen Kulturkreis.

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Der Versuch, Nicht-Betroffenen die Gefühle der Entmündigung, Machtlosigkeit und Bedrohung durch sexuelle Belästigung zu beschreiben ist ermüdend, für Opfer von Vergewaltiung gar re-traumatisierend und selten zielführend. Nicht ohne Grund ist Vergewaltigung auch in Deutschland schon lange eines der am seltensten angezeigten Verbrechen mit den höchstgeschätzten Dunkelziffern.

Nicht ohne Grund waren und sind Me Too, #TimesUp, #EsReicht und #Aufschrei so erfolgreich. Neue Medien ermöglichen eine globale Vernetzung über individuelle Erfahrungen, die es vorher so nie gab, und denen beinah identische Strukturen zugrunde liegen. So konnten private Erlebnisse in die Mitte des gesellschaftlichen Diskurses rücken.


Weiter mit: Sexuelle Belästigung im Militär? – Berufsrisiko!

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