Sexuelle Belästigung im Militär: Berufsrisiko!

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SERIE | Der Schutz westlicher Frauenrechte kontrastiert mit den globalen, gesellschaftsübergreifenden Thesen der Me Too-Bewegung. Damit erfährt das Thema sexuelle Gewalt zwei parallellaufende Formen der Aufmerksamkeit – mit weitreichenden Konsequenzen.

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 einer Serie über die Vielschichtigkeit von Fremdenfeindlichkeit.

Lesedauer: 6 Minuten


Im Mai 2019 veröffentlichte das US-amerikanische Pentagon die Zahlen einer anonymen Umfrage im Militär: Anzeigen sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen waren in den verschiedenen Branchen jeweils auf zwischen 45 und 86 Prozent gestiegen.

Wirkliche News waren die Ergebnisse zum Zeitpunkt jedoch nicht: Der Dokumentarfilm The Invisible War hatte bereits 2011 Wellen geschlagen, nicht zuletzt durch die emotionalen Interviews mit Betroffenen sexueller Gewalt im Militär.

Aktivistinnen und Aktivisten riefen damals zur Ursachenbekämpfung auf: gegen ungleiche Machtstrukturen im Militär, die zu einem systematischen Ausbleiben von Strafverfolgung und Verantwortungabwälzung auf Opfer führen. Kurz: Ändert das System – nicht das Verhalten der Opfer.

Stattdessen gehörte zu den ersten Gegenmaßnahmen die Einführung eines “buddy systems”: Mitglieder sollten sich vor möglichen Übergriffen selbst schützen, in dem sie immer in Begleitung unterwegs waren.

Strafverfolgung bleibt bis heute in vielen Fällen aus, Klagen wurden gar abgewiesen. Die Verurteilungsrate in Militärgerichten liegt noch weiter unter der ebenfalls geringen Rate in Zivilgerichten. In einigen Fällen wurden Opfer sogar des Ehebruches angeklagt, mittelalterlich anmutend. In einer Sammelklage gegen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Robert Gates schlussfolgerte eine Jury in 16 Fällen, sexuelle Übergriffe im Militär seien “Berufsrisiko“.

Was das alles mit Migrationskritik zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts.

Boys Will Be Boys?

Auf den zweiten Blick ist es allerdings nur eines von vielen repräsentativen Beispielen für einen tief sitzenden, rassistischen und fremdenfeindlichen Paralleldiskurs über sexuelle Gewalt – insbesondere in Kontext der Me Too-Problematik.

Ein Beispiel: 2019 verfilmte Netflix in “Central Park Five” die Geschichte fünf schwarzer Teenager in New York City im Jahr 1989. Eine Jury befand die Fünf schuldig für die brutale Vergewaltigung einer Joggerin im Central Park.

Donald Trump, damals primär Immobilienmogul, zahlte mehrere zehntausend Dollar für eine Werbeanzeige, in der er für die Todesstrafe für die Beschuldigten plädierte. (Die Anzeige im Wortlaut findet sich ebenfalls unter dem angegebenen Link.)

In New York City stapeln sich seit Jahrzehnten tausende ungetesteter Laborergebnisse von Vergewaltigungen. (c) Gemeinfreies Bild von Pexels auf Pixabay

Die fünf Verurteilten wurden 2002 komplett freigesprochen: Ein Vorgestrafter Gefängnisinsasse hatte sich zu dem Verbrechen bekannt. Seine DNA passte zu 100 Prozent.

Der Fall zerrte viele Jahre am öffentlichen Diskurs: Zum einen, da die Geständnisse nachweislich unter Anwendung von körperlicher Gewalt abgelegt wurden. Insbesondere aber, weil er rassistische Sentimente förderte, die an die Segregationszeit der 1960er erinnerten, darunter massenweise grundlose Leibesvisitationen und Gewaltanwendung schwarzer Teenager auf offener Straße durch die Polizei.

Donald Trump hält bis heute an der Schuld der Freigesprochenen fest. “Boys will be boys”? Nicht im Falle der fünf schwarzen Männer.

Ein weiterer, interessanter Fakt über New York City in den frühen 90ern: Vergewaltigungsanzeigen lagen einfach nur rum, mit samt ungetesteten DNA-Proben. 2017 berichtete die Stadt von über 40,000 ungeöffneten dieser “Rape Kits”. Tatsächlich ist das Problem nicht getesteter, falsch gelagerter oder verworfener Beweismaterialien so massiv, dass es mittlerweile eine großflächige Bewegung gibt, angeführt von End The Backlog.

Trumps Versuch einer Kampagne im Interesse von Frauenrechten ist ein beispielhafter Ausdruck des benannten Paralleldiskurses.

In den vergangenen Jahrzehnten erfuhr der Schutz von Frauenrechten immer weider unterschiedliche, kontextabhängige Formen der Aufmerksamkeit: Zum einen im Kontext der globalen, gesellschaftsübergreifenden Me Too-Bewegung, und zum anderen im Kontext ausgewählter Personengruppen, wie bei Afro-Amerikanern in den USA, oder Migranten und muslimischen Zugewanderten in Europa.

*

So ist die explosionsartige Welle, die Me Too besonders 2016 in konventionellen und neuen Medien des Westens geschlagen hat, nicht nur bedingt durch individuelle Erfahrungen. Auch Institutionen verzeichnen seit Jahren massive systematische Vorfälle.

Anfang 2019 trauten sich die ersten Stimmen Betroffener der katholischen Kirche unter die Lupe der Öffentlichkeit. Auch Vorfälle in der Bundeswehr rückten in der jüngeren Vergangenheit verstärkt in den Fokus. Die US-amerikanische Heimatschutzbehörde veröffentlichte 2019 ihre Zahlen zu sexuellen Übergriffen in Einrichtungen der Immigrationsbehörde ICE. Zwischen 2010 und 2017 wurden über 1200 Anzeigen verzeichnet. Darunter tausende Kinder und Minderjährige allein seit 2015. (Achtung: Grafische Details.) Die Hälfte aller Anzeigen richten sich gegen ICE-Personal selbst: Anzügliche Kommentare, Übergriffe bei Leibesvisitationen, Zwang zum Oralsex.

Der OIG zufolge machen offizielle Anzeigen gerademal 2 Prozent der Gesamtbeschwerden aus. Der Rest schafft es nie zur Anzeige und bleibt eine interne Beschwerde. Die Dunkelziffer: Ein klassisches Merkmal von Statistiken zu sexueller Gewalt.

Dabei ist aus rein wissenschaftlicher Perspektiver der Begriff “Dunkelziffer” durchaus ein debattierbarer Begriff: Klar, irgendwer kennt immer irgendjemanden mit irgendwelchen Erfahrungen sexueller Übergriffe oder bedrohlichen Situationen. So lässt sich Prävalenz leicht widerlegen. Was ist schon eine wörtliche Aussage ohne handfeste Beweise?

Die Explosion der Reaktionen zum Me Too-Hashtag suggeriert, dass klassische Statistikführung allein nicht genügt, um komplexe Alltagssituationen zu durchdringen. Es bedurfte einer globalen Hashtag-Bewegung auf Twitter, um Aufmerksamkeit auf das breite Spektrum sexueller Gewalt zu legen.

“Wir holen Es Uns”

In einer Studie der EU sagten 27 Prozent der befragten Deutschen aus, „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ sei in manchen Situationen gerechtfertigt – zum Beispiel, wenn die Frau unter Alkoholeinfluss stet oder den Mann freiwillig nach Hause begleitet hat.

Schon seit vielen Jahren finden an amerikanischen Universitäten hitzige Debatten über “rape culture” statt. Wieder ein kontroverser Begriff, über den sich streiten lässt. Fakt ist aber: 2015 ergaben anonyme Umfragen an mehreren US-Universitäten, dass mindestens 20 Prozent aller Studentinnen ungewollte sexuelle und körperliche Übergriffe erlebt hatten: auf Dates, auf Parties, bei der Interaktion mit Bruderschaften.

Die medienträchtigen Fälle der amerikanischen Studenten Brock Turner, John Enochs und Austin James Wilkerson, die allesamt trotz Schuldgeständnissen Freispruch oder milde Strafen erhielten, sind dabei nicht bloß Einzelfälle, sondern repräsentieren die von vielen Menschen konkret gelebte Realität: Wer etwas wirklich will, der holt es sich. Und dann liegt es am Opfer, sich zu rechtfertigen.

In einer Email der Kappa-Alpha-Bruderschaft an der Universität Richmond, die medienwirksam zu Tage gefördert wurde, hieß es: „Wenn ihr noch nicht mit trinken angefangen habt, dann legt los. Wir freuen uns darauf, zuzusehen, wie Jungfräulichkeit heute Nacht verschlungen wird […] Es ist die Art der Nächte, in denen sich Väter wünschen, Ihre Töchter niemals zum College geschickt zu haben. Wir holen es uns.“

Marginale Randgruppen?

Parallel dazu erfreuen sich Pick-up artists, zu deutsch Aufreißkünstler, großer Beliebtheit im Internet, insbesondere auf den Reddit-Plattformen The Red Pill und r/incel. Zu den bekanntesten zählen auch solche, die sexistische und frauenfeindliche Ansichten verbreiteten oder zu Legitimierung von Vergewaltigung aufriefen. So diskutierten Männerrechtler und Incels – die englische Abkürzung für Unfreiwilliger Single – nebst rassistischen, antisemitischen und homophoben Thesen zu Themen wie „Alle Frauen sind Schlampen” sowie “Gründe, warum Frauen die Personifizierung des Bösen sind“. Geschlossen wurden einige Foren nicht zuletzt wegen Posts, die Vergewaltigung rechtfertigten.

Marginale Randgruppen? Möglich. Das kommt allerdings darauf an, wie man die Zahlen interpretiert: 200,000 Mitglieder hat beispielsweise The Red Pill, darunter mutmaßlich den republikanischen US-Abgeordneten Robert Fisher aus New Hampshire.

George Sodini, Elliot Rodger, Alek Minassian, Marc Lepine, Chris Harper-Mercer, der Wiener Eisenstangen-Schläger: eine willkürliche Auswahl von Amokschützen, deren Motivation stets eingefärbt war vom Zorn auf Frauen, ihrer Erfolglosigkeit beim Dating oder einer Mitgliedschaft in der Incel-Bewegung. Die mediale Analyse ist oft gespickt mit einem Potpourri an möglichen Ursachen: Ritalin, Videospiele, die mentale Gesundheit.

Kampf Der Kulturen

Die Journalistin Clementine Ford stellte diesen Doppelmoral-Effekt schon 2016 beim US-amerikanischen Magazin Breitbart fest, einem der zentralen meinungsführenden Medien der USA:

“Es ist ironisch, wie Breitbart, die konservative Webseite, die sich die Verteidigung von Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015 auf die Fahne geschrieben hat, dieselbe […] „Medienquelle“ ist, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringt, großflächige Zweifel an Vergewaltigungsvorfällen an amerikanischen Colleges zu schüren. (…)”.

Obgleich weitaus komplexer als das reißerische Breitbart fokussiert sich die öffentliche Me Too-Debatte in Deutschland trotzdem vielfach auf ähnliche Formen der Relativierung: Frauen sollten bestimmte Verhaltensweisen im Kontext des Flirtens verstehen. Ein potentieller Anstieg falscher Aussagen sei zu verhindern; die unzähligen persönlichen Geschichten auf sozialen Medien wahrscheinlich übertrieben.

Doch die Existenz sexueller Übergriffigkeit kommt nicht von irgendwoher. Sie ist gesellschaftlich bedingt durch Sozialisierung. Das zeigt sich nicht nur auf der privaten und persönlichen Ebene, sondern auch in mächtigen Institutionen unserer eigenen Kulturkreise. Der Diskurs, der parallel dazu zum Thema Frauenfeindlichkeit durch Migranten existiert, legt eine Doppelmoral frei, die gefährliche Konsequenzen für Hetze gegen migrantische Mitmenschen birgt.


Weiter mit: Migrationskritik und der Kampf der Kulturen: “Schützt unsere Frauen!”

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